Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, ein………ich spüre langsam, wie sich verschwommen das eben noch Gesehene mit dem kurz davor Gewesenen vermengt, sich vereinigt, um gleich darauf wieder klar erkennbar zu sein……die Kühlbox!
Die hatte Antonis, benommen wie er war, am Morgen in der Küche der Pension nicht nur stehengelassen, auch angefüllt war sie noch nicht. Die Kühlbox, das Service schlechthin, was den Kazantsidischen Boottaxi-Betrieb betrifft, abgesehen von der aufgestellten Plane, die für ungefähr sechs bis acht Passagieren ausreichend Sonnenschutz liefert, aber auch nur zur Mittagszeit, wenn die Strahlung von oben kommt. Die restlichen zehn, die auf der African noch Platz hätten, sind sowieso dem Helios hilflos ausgeliefert.
So blieb ihm nichts anderes übrig, als zur Taverne zurück- zumaschieren, um die Box mit dem Zusatzverdienst, dazu zählten Amstel, Wasser mit Gas und Coke light, aufzufüllen.
In der Küche angelangt, vernahm er ein vergnügtes „Kalimera Antonis – Kafes metrio ?“, von seinem Chef. Mit einer abwehrenden Handbewegung und einem „danke Dimmie“ war die Konversation der beiden vorerst wieder beendet. Antonis‚Unwohlsein hatte eindeutig noch das Sagen. Und durch das Bücken beim einräumen der Getränke verstärkte es sich zusehends.
Aber auch das schaffte er ohne Anzeichen an Auswürfen, somit schnappte er sich die Box und schlenderte erneut, aber diesmal entsinnte er sich seines Strohhuts, den er aufsetzte, zum Anlegesteg.
Von weitem sah er schon einige Körper, die teils regungslos dastanden und teils aufgeregt um sich herum Ausschau hielten, nach etwas, was aussehen könnte wie ein heimischer Steuer-
mann. Das Geschäft wird auch heute passen, dachte Antonis, so wie jeden Tag dieser Jahreszeit, da wird Dimmie am Abend wieder gut gelaunt sein, vorausgesetzt die Taverne platzt aus
allen Nähten.
Mit einigen Hei`s, hallo`s und kalimera`s begrüssten sie ihn und lächelten ihn freundlich zu.
Er hatte noch nicht einmal die Box ordnungsgemäß verstaut, belagerten ihn die Sonnenanbeter bereits mit ihrer Wissbegierigkeit. „Fahren Sie wirklich in die Sweetwater-Beach; fahrst du zuerst in die Sweetwater und dann nach Agia Roumeli; fahren Sie auch nach Sfakion; werden wir auch wieder abgeholt ?; kostet das extra ?, und so weiter.
Er konnte die Pax, indem er sie absolut ignorierte und weiter die Getränkebox verstaute, bis zur Verstummung trimmen. Sowie Harmonie Einkehr hielt, beantwortete Antonis in einem zusam-
menhängenden Satz die Fragen Aller zur vollsten Zufriedenheit.
Das konnte er einfach, er kannte sich aus, er konnte in jeder Hinsicht mit Menschen umgehen, er wusste genau, wann und vor allem wie er sich zu verhalten hatte. In verschiedensten Situationen. Er hatte diese sagenumwogene Menschenkenntnis. Niemand konnte ihm etwas vormachen. Antonis durchschaute sie alle.
Es machte ihm Tag für Tag grossen Spass immer wieder dieselbe Tätigkeit auszuüben, ja, er lebte sogar stets aufs neue dabei auf, wenn er seine Kunden über die See schipperte.
Tagtäglich neue Gesichter und die dazugehörigen Geschichten kennenlernen und vor allem dieses unbezahlbare Freiheitsgefühl mit der African Queen auf den sonnenumhangenen, glit-
zernden sanften Wogen der Ägäis dahinzugleiten. Dem kann man ihm niemals berauben.
Nun gut, die Tarife sind festgelegt, scheinen sogar auf Dimmies Boat-Taxi-Schild auf, na ja, wenigstens die drei Hauptziele Chora Sfakion, Samariaschlucht und die Sweetwater.
Alles weitere sowie die Abhol-bzw. Rückfahrzeiten macht man sich mit Antonis vor Ort und spontan aus.
Weil heute scheinbar kein Wandersmann oder niemand, der ein anderwertiges Interesse an der Schlucht zeigt, dabei ist, ist es ein leichtes, seine Route festzulegen. Ein paar Minuten will er noch warten, ungefähr bis neun Uhr, Zeit hat er jetzt in Überfluss, denn normalerweise haben die Wandersleute Priorität, das heisst Roumeli wird als erster Zielhafen angepeilt, denn die Schlucht zu erklimmen, Tour-retour nimmt gut und gerne acht bis zehn Stunden in Anspruch und schliesslich will er alle heil und vor allem rechtzeitig wieder an den Ausgangspunkt kriegen. Heute ist aber nicht normalerweise und so steuert er nur gen Osten.
Er lenkt die Aufmerksamkeit der Sonnenhungrigen auf sich und bittet sie, ihre oder irgendwelche Plätze einzunehmen, sich nach Möglichkeit festzuhalten und bitte ja nicht zu weit über die Planken zu beugen. Schon beim vierten Versuch lässt sich der alte Yamaha starten.
Schön, wie sie sich freuen, denkt er sich, auch wenn dieser Zustand bei einigen meiner Kunden nicht lange anhalten wird. Besonders bei den vier Deutschen; die auf Freikörperkultur
abfahren, und die er unweit der Süßwasserbucht in einer noch entlegeneren, heimeligen Bucht absetzt; die sich jetzt schon nichts mehr zu sagen haben und die ihre geschwollenen Augen-
ringe hinter globigen und verspiegelten Sonnenbrillen verstecken versuchen.
Die beiden Dänen, ein Pärchen, sehr nett und ziemlich jung, scheinbar ihr erster gemeinsamer Trip, sehr ruhig und zurückhaltend, aber glaubhaft glücklich. Sympathisch, mit denen werde ich auflockernde Worte wechseln, dachte er.
Die drei Engländer, Vater und Mutter mit dazugehörender ca. sechzehnjähriger Tochter machen auch einen netten Eindruck. Die wollen nach Sfakion aufs Postamt, ich bin gespannt, wie die den Rest vom Tag runterbiegen werden. Viele Möglichkeiten, abgesehen die unzähligen Tavernen zu durchlaufen, gibt es da nicht Nicht einmal einen ansprechenden Strandabschnitt. Was soll`s.
Von den fünf Mittelalter-Holländern wünsche ich mir nur, das sie sich in der Gluthitze der Sweetwater mehr ans Wasser halten, wenn sie Durst haben, sonst muss ich während der Rückfahrt den einen oder anderen aus dem Meer fischen. Ausserdem würde ich gen Heimathafen auch noch gerne ein paar Amstel an den Mann bzw. an die Frau bringen. Und Dimmie
wäre noch besser gelaunt !
Er tuckerte mit seinen Schützlingen drauf los. Hinaus aus der langgezogenen breiten Bucht von Loutro.
…..tucker,….tucker,tucker…..Oh Gott, nein, nicht schon wieder!
Langsam und sehr behutsam, jedoch bereits ein wenig angesäuert, öffne ich meine Augen. Das darf doch nicht wahr sein. Strassenseitig, genau vor dem Schlafzimmerfenster beginnen Rasen-Trimm-Arbeiten mittels kleinem Traktor, zumindest klingt es danach……ich zerdrücke im Geiste eine Träne, ziehe meine Decke über das Gesicht und denke mir…..
…..verdammt, doch nur ein Traum!