Und jeden Morgen aufs Neue die Hoffnung, dass wir nicht zu jenen geworden sind, die wir niemals sein wollten. Aus diesem Grund bin ich heute Morgen aufgestanden und habe einen Zaubertrank gebraut, als wäre es das Normalste auf der Welt.

An manchen Tagen wache ich auf und schaue minutenlang hinauf auf den Plafond. Dann – ganz wie es meine Art ist – denke ich diese Zeit lang über das Wort Plafond nach. Eventuell gefällt es mir so gut, dass ich es auf ein Blatt schreibe und in der Küche am Kühlschrank aufhänge und mich jedes Mal wenn ich daran vorbei gehe daran erfreue. Noch mehr erfreue  ich mich an jedem neuen Besucher, der in meine Wohnung kommt, sich umsieht und fragt: „Wieso steht da Plafond?“ Und ich antworte (als wäre es das Normalste auf der Welt): „Das ist mein Lieblingswort.“ (Ein Lieblingswort ist das Normalste auf der Welt.)

Meine Freude – das muss ich ganz ehrlich zugeben –  wächst ins Unermessliche, wenn ich dann in ratlose Besucher-Gesichter blicke.

Unendlich ist sie – auch das muss ich ganz ehrlich zugeben – wenn Besucher-Gesichter zu Freunden werden, die vielleicht sogar meine Seele umarmen, in jedem Fall aber den neuen Besucher-Fremden ganz selbstverständlich erklären, dass in meiner Küche ein Blatt hängt, auf dem das Wort „Plafond“ steht und das eigentlich das Normalste auf der Welt ist und zu mir gehört, wie dieses Muttermal unterhalb meines linken Schulterblattes, das von manchen Menschen erst nach 326 Tagen bemerkt wird. Oder noch später. Oder gar nicht.

Wiederkehrende Besucher, vor allem dann wenn sie zu so etwas wie Seelen-Umarmern geworden sind, würden nie auf die Idee kommen, mich zu fragen wieso ein Blatt in meiner Küche hängt, auf dem „Plafond“ steht – und das nicht, weil ich es ihnen bereits gesagt habe, sondern weil sie wissen dass das Teil des Programms ist, niemals so zu werden wie ich niemals sein wollte und weil es in meiner Welt auch ziemlich normal ist.

Für diesen heutigen sehr besonderen Tag, den ich mit einem Zaubertrank begonnen habe, möchte ich noch das Wort Kirschkerne erwähnen. Die Kirschkerne erwähne ich heute, weil meine Oma und ich des öfteren auf der Veranda, auf einer klapprigen Holzbank sitzend, Kirschen gegessen haben und dann einen Kirschkernweitspuckwettbewerb veranstaltet haben (auch ein schönes Wort – kommt demnächst auf den Kühlschrank) und viele Jahre später mir ein sehr guter Freund anvertraute, dass er sich verliebt hat und mit seiner neuen Flamme einen Kirschkernweitspuckwettbewerb in ihrem Wohnzimmer (das gleichzeitig auch ihr Schlafzimmer war) veranstaltet hat und ich vermute, dass er den Wettbewerb gewonnen hat, allerdings ist das nicht das Beeindruckende an der Geschichte, sondern eher die Tatsache, dass sie die ausgespuckten Kirschkerne drei Wochen lang nicht aufgesammelt hatten und heute 14 riesige Kirschbäume in ihrem Wohn-Schlafzimmer stehen und wir uns jedes Jahr im Juni zur Ernte treffen.

Zum Abschluss denke ich, dass ich noch immer nicht zu dem geworden bin, der ich niemals sein wollte und das mag unter anderem auch an diesem besonderen Zaubertrank von heute Morgen liegen, in jedem Fall aber daran, dass ich mein Programm ausweite und von einem Lieblingswort zu einem Lieblingssatz übergehe.

Und dieser Satz lautet:

Und jeden Morgen aufs Neue die Hoffnung, dass wir nicht zu jenen geworden sind, die wir niemals sein wollten. 

 

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