Ich habe ein Kartenhaus gebaut. Ich habe Jahre dafür gebraucht. Das Haus hat 9 Etagen und besteht aus 126 Karten.

Anfang.

Vor langer Zeit übergab mir jemand 126 Karten. Er ersuchte mich, ein Kartenhaus zu bauen. Der Mann wusste genau, wie man ein Kartenhaus baut, ohne es je selbst getan zu haben, aber er hatte einen Plan entworfen, mit dem man das schönste Kartenhaus bauen konnte, das es gibt.

Dieser Mann wollte mein Lehrer sein, mein Mentor.

Er hat lange gebraucht, mir zu erklären, wie es geht. Niemals hat er die Nerven verloren, auch wenn ich drei Mal hintereinander die gleiche Frage in anderen Worten gestellt habe. Nur manchmal sagte er: „Aber das wissen wir doch bereits.“

Und dann runzelte ich die Stirn und nickte.

Bevor ich mit dem Kartenhaus begonnen habe, habe ich es unzählige Male mit ihm zusammen in meinem Kopf gebaut. Es sollte perfekt sein. Das perfekte Kartenhaus mit der perfekten Formel. Wir haben alle Eventualitäten durchgespielt. Zumindest dachten wir, alles durchgespielt zu haben. Wir haben jede Woche einen neuen Stock darauf gesetzt.

Nach 9 Wochen war es fertig. Dann begannen wir von vorne. Wir machten dies so lange, bis ich bereit war, das Kartenhaus mit den echten Karten zu bauen und nicht mehr nur im Geiste. Alleine. Mit echten Karten. Ohne den Mann.

Anfangs rief ich ihn an und manchmal schrieb ich ihm eine Kurzmitteilung. Ich schrieb: „Ich schaffe das nicht ohne Sie.“ Und der Mann antwortete nach nur wenigen Minuten: „Natürlich schaffst du das!“

Anfangs sass ich verzweifelt vor dem angefangenen Kartenhaus. Ich ärgerte mich über die vermeintliche Unmöglichkeit der Fertigstellung. Nach jeder Karte machte ich ein Foto und schickte es dem Mann. Er antwortete immer mit denselben Worten: „Das ist sehr schön.“

Als ich genug Mut hatte, das Kartenhaus alleine weiter bis zur Fertigstellung zu bauen, hörte ich damit auf, dem Mann Fotos von meinen Fortschritten zu schicken. Erst nach Jahren, als ich damit fertig war, machte ich das letzte Bild. Ich klebte es auf eine Postkarte, schrieb fein säuberlich seinen Namen und seine Adresse darauf und warf sie in den Briefkasten.

Ich stellte mir sein stolzes Gesicht vor, stellte mir vor, wie er die Postkarte betrachtet und dabei lächelt.

Wochenlang traute ich mich kaum in die Nähe des Kartenhauses, aus Angst, ein Luftzug könnte es zerstören, noch bevor er es mit eigenen Augen erblicken konnte. Ich selbst beäugte es respektvoll aus einigen Metern Entfernung.

Manchmal konnte ich es kaum glauben. Mein Glück nicht fassen.

Die Jahre vergingen.

Das Kartenhaus wurde bald ein Teil von mir und ich dachte nicht mehr darüber nach. Es war stets anwesend, aber mit der Zeit, der Normalität gewichen. Einzig unregelmäßige Momente  erinnerten mich immer wieder daran, was ich geschafft hatte. Sie flüsterten: „Das ist sehr schön.“ Genauso wie es der Mann damals immer gesagt hatte, und ich schob sie vorsichtig aus dem Zimmer, damit sie mein Kartenhaus mit ihrem Atem nicht umblasen konnten.

Ende.

Als du in die Küche kamst, war die jahrelange Arbeit an meinem Kartenhaus in weite Ferne gerückt. Wir sprachen kaum. Immer wieder schieltest du zu meinem Kartenhaus hinüber, sodass es mir wieder einfiel und die jahrelange Arbeit daran, lautlos an mir vorüberzog. Du fragtest: „Wie geht es dir jetzt damit, was hast du nun vor?“ Und ohne die Antwort abzuwarten, machtest du einen schnellen Schritt auf mein Kartenhaus zu, holtest aus und warfst die 126 Karten mit einem kurzen Schlag um.

Ich habe ein Kartenhaus gebaut. Ich habe Jahre dafür gebraucht. Das Haus hatte 9 Etagen und bestand aus 126 Karten.

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