Die einzige Gemeinsamkeit die wir alle haben.
Der Tod befindet sich stets im Einzugsgebiet. So ist es. Das Leben.
Auch nach dreißig Monaten noch.
Danke. Dank. Dan. Da. D. Ich konzentriere mich auf meinen Löschvorgang und bin froh, dass ich ihn ohne Sachbeschädigung hinbekomme. Löschvorgang. Ich mag das Wort. Ich schreibe es gleich unter mein anderes Lieblingswort Plafond.
Auch nach dreißig Monaten noch.
Drücke ich Nachrichten weg, ich schweige und ich wache nachts auf. Die Schonfrist ist halt vorbei, sagt M. und ich nicke, denke bei dem Wort an ein Reh kurz vor dem Abschuss. In einem nebligen Wald. Ich stelle mir den Jäger vor auf seinem Hochstand. Er sieht aus wie W. Letztens erzählte W. mir von einem veganen Eintopf und dem Biogemüse, das er mit seiner Tochter dafür besorgen müsse. W. ist ein Vater mehrerer Töchter. W. sagt Letztens ist mein Vater auf dem Drahtesel an mir vorbeigefahren. Er hatte so schütteres, graues Haar, so einen Haarschnitt den alte Männer eben so tragen. Dabei imitiert er die Bewegungen des Mannes beim Fahrradfahren. Wir lachen. Ich denke, hört denn das nie auf, dass all diese toten Menschen an uns vorbeiradeln. S. sieht ihre tote Oma noch 10 Jahre später auf der Strasse und W. sagt Das ist ein rechtes Gedränge hier mit all diesen Verstorbenen. Ich denke, meine tote Oma sah ich nie auf der Strasse, sie ging allerdings die letzten Jahre nicht aus dem Haus, was ich erst 14 Jahre später begann seltsam zu finden, als ich anfing über Tote auf der Strasse nachzudenken.
Auch nach dreißig Monaten noch.
Ich steige morgens in eine Wasserlache hinein. Ich sage Ich muss meine Socken wechseln, sie sind nass, weil irgendjemand nach dem Duschen das Badezimmer unter Wasser gesetzt hat. Dieser Jemand lacht und sagt Der irgendjemand hörte während er duschte den Wecker klingeln und musste nass aus der Dusche steigen, um ihn abzudrehen. Er sagt den Satz auf Hochdeutsch. Wieso eigentlich nicht auf russisch? Ich denke daran, dass ich als Kind fasziniert war vom Russisch-Unterricht im Fernsehen. Ich wunderte mich schon damals darüber, was es alles gibt und habe bis heute nicht damit aufgehört….. S. schreibt Entschuldige, dass ich dir erst jetzt schreibe, ich bin es noch nicht gewohnt, dass diese neumodischen Handys so schnell keinen Akku mehr haben. Ich dachte, sie wären ein Fortschritt….. Der Mann im Fernsehen, der Englisch unterrichtete, trug stets eine Melone auf dem Kopf. Über ihn wunderte ich mich gar nicht, Melonen war ich gewohnt, denn eine Zeit lang war ein Mann namens Pan Tau mein bester Freund. Er trug seine Melone sogar beim schlafen. Einstweilen geht W. los und kauft neuen Spinat, weil ich beschließe, dass ich Milchproteine nicht essen kann. Ich sage Ich glaube, das war schon immer so. Zur Abwechslung lachen wir und sagen Der Tod hat uns ernster gemacht.
Auch nach dreißig Monaten noch.
Ich lese neun Irgendwem unterschiedlichen Alters eine Geschichte vor, in der ein Mädchen namens Klara ein Geschenk bekommt. Dabei trage ich eine spitze Mütze auf dem Kopf, weil ich keinen Zauberstab gefunden habe. Die Mütze hing hoch oben an der Wand. L. kletterte auf eine Leiter, um sie für mich runterzuholen, doch sie war zu klein und sagte Versuch es du, du bist ein bisschen grösser. Also stieg ich die Leiter hinauf, streckte den Arm hoch hinauf bis zur Haube und wedelte mit meinem Smartphone hin und her, um sie hinunter zu schießen. Es gelang mir und so kam das Mützchen auf meinen Kopf. Ich drehe eine kleine Pirouette auf dem spiegelglatten Boden vor einer Supermarktkassa, obwohl ich nicht tanzen kann und prompt wird mir schwarz vor Augen, aufgrund dieses anormalen Bewegungsablaufes.
Auch nach dreißig Monaten noch.
Darüber hinaus ist die Schonfrist vorbei. W. erzählt mir am darauffolgenden Tag, dass Klaras Geschenk ein Pulli war, denn diesen Teil der Geschichte habe ich knapp verpasst, doch es ist eine Verwechslung, denn W. meint eigentlich eine Decke, aber es ist beides gestrickt und beides hält warm, also lasse ich es gelten. Darüber hinaus sage ich Das ist dann wohl eine allergische Reaktion wegen dem heftigen Zuckerkonsum und ein kleiner Hund pinkelt mir vor die Füsse, weil er so aufgeregt ist, mich kennen zu lernen und die anmutige Frau am anderen Ende der Leine sagt Da hast du ja den richtigen getroffen, Fifi Schätzchen und schiebt dabei ihre Brille ein Stückchen die Nase hoch.
Darüber hinaus, fragen die einen schon gar nicht mehr, was die anderen noch gar nicht wissen und ich bin erleichtert, wenn mich jemand fragt Und wie geht es dir so, dreißig Monate später. Denn manchmal noch, für den Bruchteil einer Sekunde, da glaube ich ganz kurz immer noch, dass ich das Ganze bloß träume.
Einen Umgang finden. Zurechtkommen. Mit der einzigen Gemeinsamkeit die wir alle haben. Dem Unfassbaren, das gar nicht so unfassbar ist, wie wir meinen, denn es geht täglich zwischen uns spazieren. Der Tod. So ist es. Das Leben.