Vor einigen Jahren musste ich aus einem Land fliehen, in dem immer die Sonne scheint. Ich hinterließ einen Flachbildfernseher, den ich eigenhändig in mein Zimmer getragen hatte, einen Vater, der kaum sprach, eine Mutter, die zwischen ihren Sätzen niemals Luft holte, eine Schwester, die auf dem Dach heimlich Zigaretten rauchte und einen Freund, der mich Gelati nannte, was in seiner Sprache weitaus schöner klingt.

Ich hatte meine Flucht nicht geplant. Eines Tages im Dezember, die Sonne stand tief, verließ ich das Wohnzimmer mit den Worten: „Ich komme gleich wieder.“ Ich ging langsam durch die Zimmer, an Jesus vorbei, der schon seit Jahren dort an seinem Kreuz hing, blieb kurz stehen, um ihn ein letztes Mal zu betrachten und mich ein letztes Mal über ihn zu wundern, öffnete die Haustür, die niemals versperrt war, auch nachts nicht, stieg die schmalen Treppen hinab, ohne zu stolpern, was mir heute noch wie ein Wunder vorkommt, verließ das Haus, ohne die Eingangstür zu schließen, stieg auf ein Fahrrad und fuhr davon.

Ich kehrte nie mehr zurück.

Ich war 10 Tage und 9 Nächte unterwegs. Ich schlief in Kuhställen, was romantischer klingt als es ist, in einem alten Schwimmbad, was mir eine tiefe Abneigung gegen Chlor bescherte, in einem Maisfeld, was ganz lustig hätte sein können, wenn ich 10 Jahre jünger gewesen wäre, in einem Hotelzimmer, wo ich vor lauter Angst Tisch und Stuhl vor die Tür schob und trotzdem kein Auge zumachte, weil ich nicht mal den Namen der Stadt kannte, in der ich mich befand und auf einer Fähre, wo ich mir nur eine Kabine leisten konnte mit einem Loch in der Wand, aus dem Geräusche drangen, die ich nicht identifizieren konnte.

Nachdem ich den Ort erreicht hatte, den ich als Ziel für meine Flucht auserwählt hatte, schlief ich 3 Tage und 2 Nächte. Ich wachte zwei Mal auf, taumelte ins Badezimmer, ging auf die Toilette und dann wieder zurück ins Bett. Ich spürte die stechenden Blicke der beiden Menschen, die beim Küchentisch sassen und mir dabei zusahen. Sie sprachen kein Wort.

Als ich ausgeschlafen war, setzte ich mich wortlos zu ihnen. Der Mann blickte kurz von seiner Zeitung auf und räusperte sich, als wäre ich nie weg gewesen. Ich zählte in meinem Kopf die Tage, die ich nicht bei ihnen gewesen war. Es waren 549. Die Frau hob die Augenbrauen und sah mich so liebevoll an, wie sie es schon viele Male zuvor in meinem Leben getan hatte. Dann kochte sie mir eine Suppe und stellte sie auf den Tisch. Ihre ersten Worte waren: „Du bist schmal geworden.“ Dabei strich sie mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Und dann sagte sie: „Das Telefon hat schon 4 Mal geläutet.“ Ich nickte und begann schlürfend die Suppe auszulöffeln. Dazwischen sagte ich: „Ich werde nicht lang bleiben“, obwohl ich wusste, dass das eine Lüge war. Obwohl alle wussten, dass das eine Lüge war. Doch niemand sprach die Wahrheit aus.

Die nächsten Tage sagte ich mir diese Lüge immer wieder vor, weil ich die Wahrheit nicht ertragen konnte. Ich dachte, wenn nur genug Zeit vergeht, wird sich niemand mehr an das erinnern, was einmal gewesen ist. Nicht einmal ich. Niemand wird mehr über meine Flucht sprechen, niemand über die Zeit davor und niemand über die Zeit danach. Alles wird seinen gewohnten Gang gehen. Doch noch Jahre später hörte ich die Worte Wieso hast du das getan? und Erinnerst du dich noch, damals. Die Worte hallten in meinem Kopf wie das Echo in einem langen, schmalen Tunnel.

Vor einigen Jahren musste ich aus einem Land fliehen, in dem immer die Sonne scheint. Ich floh in eine Gegenwart die ich lange nicht kannte und in eine Zukunft, die keine Bedeutung für mich hatte. Ich hinterließ einen Flachbildfernseher, der bald neue Besitzer fand, einen Vater, der gar nicht mehr sprach, eine Mutter, die ihre Geschwister begraben musste, eine Schwester, die mit dem Rauchen aufhörte und einen Freund, der eine Frau heiratete, deren Namen ich mir bis heute nicht merken kann.

Diese Geschichte ist für euch.

 

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