Seit gestern ist ein weiteres halbes Jahr vergangen, seit ich dich am Steg dieses einen Hafens mir zuwinken sah, mit der rechten Hand, und den linken Arm über deine Stirn haltend, weil die Sonne dich blendete und eine Sommersprosse aus deinem Gesicht sprang, in kleinen Schritten über den Steg lief und einen Sprung ins Wasser machte, um sich abzukühlen. Dabei hast du gelächelt, vielleicht nicht nur weil Sommer war, sondern weil du wusstest, was danach kommt, wenn die Eine am Steg steht und der Andere mit einem Boot auf sie zufährt – Nämlich eine Reise in unbekannte Gewässer, in ein Sommersprossen-Meer.
Seit gestern ist ein weiteres halbes Jahr vergangen, seit ich aufgehört habe, die Zeit zu zählen und zu empfinden und ich mir nicht mehr sicher bin, wann 2015 anfing und wann es endete, die Fragen aufhörten, und ich mich immer noch dabei ertappe, meine Sätze mit „vor kurzem“ zu beginnen und 2015 mit 2016 zu verwechseln oder 2016 mit 2015, um dann laut seufzend zu kapitulieren. Meine Gedanken mit „Ach, ist doch egal“ zu beenden und tief in mir zu wissen, dass dem ganz und gar nicht so ist.
Mein Atem ist flach und während sie nach all der Zeit noch immer nicht von mir abfällt, bin ich zu einem Anderen geworden. Während ich dich auf mein Boot einlade, den Arm hast du einstweilen gesenkt, du schaust einer Möwe nach und winkst nicht mehr, erkläre ich dir, „vor kurzem, das heißt, vor nicht langer Zeit.“ Und du nickst, so wie du immer nickst und ich mir nicht sicher bin, was dein Nicken zu bedeuten hat, auch wenn ich gerne glauben möchte, die Bedeutung deiner nickenden Bewegung vollends zu kennen.
Jeden Morgen schaue ich nach dem Wetter, auf diesem Boot, in diesem Sommersprossen-Meer, ich trotze dem Regen und setze die Segel bei noch so starkem Wind. Ich sage „Ich bin dieses scheiß Wetter gewöhnt“ und du antwortest „Schau, da hinten kommt die Sonne.“ und ich: „Ja, nur schafft sie es nicht, mich zu erreichen.“ Und du fragst: „Ist sie denn nicht für alle da?“ und ich antworte: „Nein, aber das merkst du nur dann, wenn sie dich nicht wärmt.“ Eine Weile verging bloß mit Starren und du sagst, dass du ein Buch kennst, in dem beschrieben steht, wie man gebrochene Herzen heilt, gebrochene Herzen heilt man auf Englisch, warum auch immer, vielleicht weil ‚broken heart‘ einfach milder klingt und wir schmunzeln ein wenig.
Da reiße ich mein gebrochenes Herz aus mir heraus und beginne es zu flicken, mit einer Nadel und einem Faden, eine Sommersprosse klettert aus dem Wasser heraus und setzt sich auf deinen Schoss. Gemeinsam seht ihr mir dabei zu, die Sommersprosse und du.
Mein Zeitgefühl war vor kurzem, also früher, auch schon mal besser, denke ich beim Flicken, dafür bin ich ein guter Segler, vielleicht sogar der Viertbeste, den es auf dieser Welt gibt. Vielleicht aber ertrinken wir auch gemeinsam in einem Sommersprossen-Meer, die Sonne sieht uns dabei zu und lacht vor sich hin und wir halten uns an einem gebrochenen Herz fest, das gar nicht meines ist und mit dem wir auf eine einsame Insel treiben. Kurz bevor unsere Füße festen Boden erreichen können, kramst du aus dem Nichts eine aufgeblasene, schrille, gelbe Schwimmente hervor, blickst mich einmal kurz an, lässt das gebrochene Herz frei und dich weiter treiben.
Seit gestern ist ein weiteres halbes Jahr vergangen, seit nichts mehr ist wie es einmal war und alles gleich ist, jeden Morgen auf dieser verdammten Insel, frage ich mich, wann wird es anders.