Als ich eintraf, waren die anderen Gäste bereits da. Ich atmete tief, als ich in all die altbekannten Gesichter schaute, die ich seit Monaten, manche sogar seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte und die mir nun in einer Selbstverständlichkeit zunickten, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit uns hier zu treffen, an diesem Ort, nach all den Jahren. Hier. Wir.
Niemand lächelte und insgeheim dachten wir alle das gleiche, das, was wir alle nicht auszusprechen wagten, nämlich wer der nächste Gastgeber sein würde und wessen Träume wir als nächstes begraben würden.

Hermann grinste kurz verunsichert ohne die Zähne zu zeigen, als er mich sah, das hatte er immer schon so gemacht, drückte mir eine Parte in die Hand und klopfte mir danach freundschaftlich auf die Schulter, obwohl wir keine Freunde waren, blinzelte und ging an mir vorbei. Der Kies knirschte unter seinen polierten Lackschuhen, ich starrte auf den Zettel in meiner Hand, die Parte, auf der in schwarzen, klitzekleinen Druckbuchstaben stand: „In stillem Gedenken an meine Träume. Danke, dass ihr mir an diesem Tag zur Seite steht und sie heute mit mir gemeinsam begräbt.“ Hermanns Träume waren nach langer und schwerer Krankheit gestorben. Eine Krankheit, die niemand so recht bemerkt hatte, am allerwenigsten er selbst und die somit auch niemand zu bekämpfen gewagt hatte. Der Tod kam schleichend, kaum merkbar, lautlos. Eines Tages also, waren all seine Träume, die Hermann in schillernden Farben geträumt hatte, tot. Stattdessen hatte sich genauso schleichend die Sicherheit in seinem Leben breit gemacht, die Gemütlichkeit, nicht wirklich Wohlstand, dafür aber zuletzt die Trägheit. Überraschenderweise war Hermann trotz allem ein schlanker Mann geblieben, wenn auch ein kleiner Mann und auch der Tod seiner Träume hatte an seiner Körpergröße nichts geändert.

Ich drehte eine Runde, schaute jedem, an dem ich vorüberging, tief in die Augen. In stillem Einverständnis nickten wir uns im Chor zu, als wäre das alles ganz normal, dass wir hier zusammen Träume begruben, die niemals gelebt worden waren. Die Stimmung war getrübt, wie auch das Wetter. Ich betrachtete die anderen Gäste.

Sophie war alt geworden und hatte bereits schon seit längerem vergessen, dass sie jemals Träume gehabt hatte. Kurz beneidete ich sie, denn immerhin musste sie nicht einmal mehr so tun als ob sie noch welche hätte, denn die ihren waren schon längst tot. Sie hatte ihnen nicht einmal einen würdigen Abschied bereitet und sie begraben. Stattdessen lebte sie nun die Träume ihrer Tochter, kümmerte sich um das Enkelkind, als wäre es der eigene Traum, das Selbst in die übernächste Generation erweitert, um zu heilen. Sophie – und das war wohl das Wesentliche – steuerte unnachgiebig und zielorientiert schon seit vielen Jahren auf einen einzigen Tag hin: Den Tag ihrer Pensionierung. Ich gab ihr kurz die Hand, sie nickte, und da sah ich es und spürte es am eigenen Leib: Der Schuh drückte sie fest, denn anstatt ihre Träume zu begraben, hatte sie sie einfach mit ihren Schuhen zertreten und ein kleiner Rest davon klebte immer noch an ihrer Schuhsohle fest. Sophie schleppte Teile einer Leiche mit sich herum.
Kurz überkam mich Übelkeit.
Willi hatte mittlerweile einen kugelrunden Bauch, den er vor sich her schob, denn er hatte seine Träume jahrelang hinunter geschluckt. Ich wunderte mich, wie er trotz des Gewichtes so schnell unterwegs sein konnte und fragte mich, wen wir zuerst begraben würden, ihn aufgrund eines Herzinfarkts oder seinen kugelrunden Bauch, der jahrelang autonom vor sich hingebrodelt hatte und ganz langsam und umfassend Willis bunte und schillernde Träume, in einen einzigen Albtraum verwandelt hatte. Sein Kiefer war angespannt.
Aus Angst, er oder seine Kugel könnten zerplatzen, ging ich in Deckung und lief davon.

Theresa hatte mittlerweile einen krummen Rücken, weil sie auf der Hut war und selbst nicht wusste wovor. Sie drehte sich alle drei Sekunden um, weil sie sich von ihren Träumen verfolgt fühlte und nuschelte „Es gibt kein Entkommen“ vor sich hin. Hermann hob einstweilen das Grab für seine Träume aus und dachte an den Leichenschmaus.
Horst war seit unserer letzten Begegnung wie eine Bohnenstange gewachsen, so hoch, dass sein Kopf im Himmel war, wo er seine Träume suchte und er niesen musste, weil ihn die Wolken in der Nase kitzelten. Seine Träume konnte er dort nicht finden, der Rücken tat ihm weh, weil er so lang war und die Beine zu kurz um ihn zu tragen. Horsts Träume waren davon gelaufen, weil er aufgehört hatte sie zu verfolgen. Ich war ihnen vor einigen Wochen zufällig begegnet, sie hatten gekichert und mir zugewunken. Dann waren sie bei Frau Gmeiner eingezogen, die ein Geschäft eröffnet hatte, in dem sie seither das kleine Glück verkauft. Frau Gmeiner war die einzige, die nicht auf dem Begräbnis erschienen war, weil sie ihre Träume lebt und damit so einiges zu tun hat, denn das viele Glück muss man ja erst einmal ertragen beziehungsweise zeitlich unterbringen. Hier ist ein straffes Management gefragt.

Ich rief ganz laut „Tschüss ihr Alle“ und winkte in die Runde. Dann machte ich mich auf den Weg zu ihr und ihrem Laden. Ein paar Träume, oder das was von ihnen übrig geblieben war, liefen hinter mir her.

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