Reich mir deine Hand

Irgendwann einmal passierte es, als ich in der Klinik der verletzten Seelen stand, im Foyer. Ich fühlte mich einsam und war dennoch nicht allein. Reges Treiben um mich herum, das mich verunsicherte und mein Herz tat mir bei jedem Atemzug weh und vor lauter Einsamkeit und um dem Gewühl zu entfliehen, lief ich in die siebte Etage, auf der Suche nach einem Refugium, versteckte mich ganz scheu und verloren in einer leerstehenden Kammer in diesem Klinikum der verletzten Seelen und verließ es nur dann und wann, wenn ich sicher sein konnte, dass mir niemand begegnet.

Trotz meiner Vorsicht traf ich nach einiger Zeit auf dem Gang diesen einen jungen Mann, wir können ihn T. nennen. Er sagte „lass uns Freunde sein“ und streckte mir die Hand entgegen. Da lief ich vor Schreck davon und versteckte mich in meinem Zimmer und schloss die Tür zweimal ab. Tagelang verließ ich es nicht und beobachtete von meinem Fenster aus all die anderen verletzten Seelen, wie sie barfuß oder mit einem Stein im Schuh durch das Gras liefen. Mein Mut, der lag verstreut auf dem Fußboden und weil ich ihn nicht zertreten wollte, lief ich auf Zehenspitzen vorsichtig und zaghaft durch mein Kämmerlein, bis ich mir endlich ans Herz fasste und ihn zusammenkehrte.

Da lag es nun, mein Häufchen Mut und war zu allem bereit. Zögerlich und ganz leise trat ich aus meinem Zufluchtsort heraus, da stand T. schon davor und lächelte, und ich trat einen Schritt beiseite, so, dass er eintreten konnte, was er auch tat und da rief er: „WAS BIST DU MUTIG,…REICH MIR DEINE HAND“. Da erschrak ich erneut ganz fürchterlich und kroch vor lauter Schreck unter mein Bett und T. wartete geduldig bis ich wieder hervor kam. Und als ich endlich meine Hand auf die seine legte, drückte ich zeitgleich die meine flach auf den Spiegel, sodass die Hände eins wurden. Da verlor ich eine Träne und T. sagte, man müsse sie einfangen, so kostbar sei sie und vielleicht könne man einen See bilden, aus all den geweinten Tränen aller verletzten Seelen. So fing er meine Träne ein und trug sie zu den seinen, damit die meine nicht so alleine war und damit der See größer werden konnte für uns alle, die wir zusammen in einem großen Boot sitzen und auf dem Wasser der geweinten Tränen vor sich hinschaukeln, weil das Wissen um die anderen verletzten Seelen die eigenen Schmerzen lindert und nur verletzte Seelen verstehen, dass man Tränen auch mit einem Lächeln weinen kann und das Herz dann und wann ganz schwer in der Brust liegt und am nächsten Tag leicht wie eine Feder sein kann und manchmal auch schon bei einem bloßen Atemzug schmerzt.

Irgendwann einmal passierte es, auch wenn es sich dann und wann immer noch wie gestern anfühlt, da haben wir uns zu Tode erschreckt und wurden noch mehr zu jenen, die wir schon immer waren. Wir haben unsere Koffer gepackt und sind näher zusammengerückt, in der Klinik der verletzten Seelen, und haben die einen in unserer Mitte aufgenommen, um die anderen in unserer Nähe zu wissen. Wir sitzen zusammen in einem poetischen Boot, das Herz ganz schwer und manchmal auch leicht wie eine Feder und haben die längste Reise unseres Lebens angetreten:

Uns mit uns selbst anzufreunden. Reich mir deine Hand.

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