Es war einmal ein König.

Es war einmal ein König mit zwei Ohren, einer Nase und einem Mund. Es war ein trauriger König. Aber immerhin hatte er zwei Ohren, eine Nase und einen Mund. Der König war eines Tages aufgewacht und konnte nicht mehr lachen und manchmal, wenn er tief einatmete, blieb die Luft in seinem Herzen stecken und der König hustete so fest, dass er sich dabei verschluckte, einen hochroten Kopf bekam und ihm Tränen aus den Augen liefen. Die Augen waren auch ganz rot, aber das ist nebensächlich. Manchmal musste der König auch fest weinen, er heulte sozusagen Rotz und Wasser, das darf man sich ruhig bildlich vorstellen, und das viele Weinen, das hatte dann nichts mit dem Husten zu tun, sondern passierte einfach so, irgendwann mitten am Tag, wenn er auf seinem Thron saß oder in seinem riesigen königlichen Bett lag.

Eines Tages kam ein Doktor in das Königreich. Er war nur auf der Durchreise, denn er hatte geplant von der einen Seite der Welt, auf die andere zu ziehen und um von der einen Seite auf die andere zu kommen, musste er das Königreich durchqueren. Das war auch gar kein Problem, denn die Bewohner des Königreiches und der König und überhaupt alle in dem Königreich, waren sehr freundliche Leute und ließen Fremde passieren. Sie durften auch bleiben, wenn sie wollten, aber auch das ist nebensächlich.
Ein Wesen in diesem Königreich machte sich besonders große Sorgen um den König. Das war die Maus, und weil es sich dabei um eine nicht nur besonders sensible Maus, sondern zudem um eine sehr schlaue handelte, hielt sie es für eine gute Idee, den Doktor um Rat zu fragen, was den traurigen König betraf. „Doktor“, sagte also die Maus, zupfte dabei an seinem Mantel, damit er sie auch bemerkte, denn wie alle Mäuse, hatte auch diese eine piepsige, leise Stimme, „der König ist krank, er lacht nicht mehr, er tanzt nicht mehr. Er liegt nur noch in seinem riesigen königlichen Bett und weint. Weißt du was der König hat?“ Der Doktor überlegte nicht einmal und meinte nein, Ferndiagnosen seien allgemein unprofessionell, aber er wäre bereit, dem König einen Besuch abzustatten, um ihn zu untersuchen, sofern dem König das recht sei, und der Maus natürlich auch, denn die war schließlich der Auftraggeber. Die Untersuchung könne er allerdings nur so schnell schnell durchführen (so sagte er das wirklich, „schnell, schnell“), schließlich war er auf der Durchreise. Die Maus war erfreut und schöpfte Hoffnung für den König und so brachte sie den Doktor in das königliche Gemach. Der König saß auf einem großen, gepolsterten Ohrensessel und schaute auf die Landschaft seines Königreiches. Er lachte nicht, er weinte nicht, seine Gedanken drehten Kreise in seinem Kopf, aber er erzählte es niemandem, auch das gab es. Der Doktor trat an den König heran und mit seinem riesigen Stethoskop, horchte er die Brust des Königs ab. Stille. Dann klopfte er vorsichtig auf die Brust. Plötzlich schlug das Herz wie wild um sich, mindestens 268 Mal in der Minute, keine Übertreibung, wenn es auch mehr gewesen waren.
„Das Herz ist kaputt“, sagte der Doktor dann entschlossen zur Maus, er schien keinen Zweifel zu haben.
„Hörst du, König“, piepste die Maus zum König hinauf, „dein Herz ist kaputt!“ Aber der König hörte sie nicht, und das, obwohl er zwei Ohren hatte.
„Genau genommen, ist es gebrochen“, fügte der Doktor hinzu, „Cor meum fractum heißt diese Krankheit, das ist Latein, Maus, weißt du und heißt eben das, was es ist. Gebrochenes Herz. Diese Krankheit ist sehr häufig bei den Menschen, früher oder später trifft sie beinahe jeden. Es ist erstaunlich, in welchem Ausmaß es euren König getroffen hat.“ Und wieder horchte der Doktor fasziniert in die Stille der königlichen Brust hinein, klopfte, horchte, klopfte. Da begann der König bitterlich zu weinen.
„Ja“, sagte der Doktor bestätigend, „das ist ein sehr typisches Symptom. Plötzlicher, heftiger und salziger Wasserfall der Augen. Cataracta oculi salis.“ Er klappte seinen Arztkoffer zusammen und wollte sich auf den Weg machen, da piepste die Maus:
„Du kannst doch nicht so einfach gehen! Hast du eine Medizin für den König?“
„Nein Maus, Medizin gibt es für gebrochene Herzen keine. Nur die Zeit kann den König heilen. Und eine zauberhafte Maus, wie du es bist.“

Der Doktor eilte davon, weil Ärzte grundsätzlich immer wenig Zeit haben, obwohl Zeit scheinbar eine gute Medizin ist und man nie genug davon haben kann, aber der Doktor musste schließlich auf die andere Seite der Welt, und die Maus blieb zurück. Sie dachte kurz über die Worte des Doktors nach und mit einem Mal war ihr alles klar, nämlich, was der Doktor gemeint hatte, nämlich, dass sie keine gewöhnliche Maus war, sondern eine Besondere. Schließlich hatte sie, wenn der Doktor Recht hatte, und das hatte er in diesem Fall ganz bestimmt, die gleichen Superkräfte wie die Zeit. Fortan sah sich die Maus also nur noch als magisch und nannte sich bedeutungsschwanger Magic Mouse, weil sie so gern Englisch sprach und weil sie aus den Augenwinkeln sah, wie das den traurigen König so zum Lachen brachte, dass er plötzlich nicht mehr ganz so traurig war wie davor.

Und weil sie nicht gestorben sind, der König mit seinen beiden Ohren, seiner Nase und dem Mund sowie die Magic Mouse, leben sie noch heute. Und vielleicht entwickeln sie gerade gemeinsam ihre Geschäftsidee und verkaufen die beste Medizin der Welt:

Die Zeit, die gebrochene Herzen heilt.

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