Vielleicht war da einmal ein König, dem alles über den Kopf gewachsen war. Das Gras, die Blumen, selbst die klitzekleinen Kieselsteine vor seinem Schloss waren so riesengroß geworden, dass der König, wenn er aus seinen königlichen Fenstern blicken wollte, um die schöne Aussicht zu genießen, nichts mehr sehen konnte. Eines Tages ließen sich die Fenster nicht mehr öffnen, da sich das hohe Gras, die großen Blumen und die riesigen Kieselsteine fest gegen die Scheiben drückten und der König konnte seine königlichen Räume nicht mehr lüften. Die Luft in seinem Schloss wurde immer stickiger, bis es eines Tages so muffig roch, dass es kaum mehr auszuhalten war. Da beschloss der König eine Reise zu machen und weil er das Meer so liebte, wollte er sie mit einem Segelschiff begehen. Er packte seine sieben Sachen zusammen und machte sich schnell auf den Weg, bevor auch noch seine Tür nicht mehr aufging.
Das Meer schlug hohe Wellen, sodass die Fischer dem König davon abrieten auf das offene Meer hinaus zu segeln, doch der König ließ sich von nichts und niemandem abhalten. Er warf seinen Koffer in das Schiff, seine Krone hinterher, setzte die Segel und steuerte sein Schiff aus dem königlichen Hafen hinaus. Das Volk tuschelte leise vor sich hin, dass der König wohl verrückt geworden war und wie denn das Leben ohne ihn weiter gehen sollte. Wen sollte man um Rat fragen, wenn nicht den König? (Den ganzen Tag dieses Gejammer wollte sich keiner anhören.) Wer sollte diese vielen zwischenmenschlichen Konflikte im Königreich schlichten? (Das fanden alle viel zu anstrengend.) Wer sollte nun dieses riesengroße Königreich regieren? (Diesen Stress wollte sich auch keiner antun.) Und was sollten sie nur machen, wenn der König in den Wellen ums Leben kam oder beschloss nie mehr zurück zu kehren? Das Königreich war starr vor Angst. Einzig der Grieche lachte vergnügt beim Anblick des Königs, sprang ins Wasser und schwamm ihm hinterher. Da tuschelte das Volk noch mehr, denn der Grieche war verschrien, ein besonders fauler Zeitgenosse zu sein. Er kletterte auf das Segelschiff, klopfte dem König auf die Schulter und legte sich auf die Planken in die Sonne, um zu trocknen. Der König war etwas überrascht über seinen griechischen Reisegast, aber weil ihm ja alles über den Kopf gewachsen war, hatte er kaum noch Energie zu reagieren und nahm seinen gar nicht so blinden Passagier anstandslos mit. So vergingen die Tage, das Land entfernte sich mehr und mehr und die beiden Weggefährten sprachen wenig miteinander. Während der König segelte und segelte, schlief der Grieche die meiste Zeit. Manchmal sprang er ins Meer, um sich abzukühlen oder fing einen Fisch, den sie dann gemeinsam verspeisten.
Eines Tages fragte der Grieche den König „Seit Tagen segelst du zielstrebig vor dich hin, König, wo willst du eigentlich hin?“ Da antwortete der König: „Wir segeln nach Loutro, dort ist alles besser.“ „Loutro?“ antwortete der Grieche, „warst du denn dort schon einmal?“ „Nein“, antwortete der König, „aber ich habe viele Weisen davon erzählen hören.“ Da lachte der Grieche und legte sich wieder vergnügt in die Sonne, um ein Nickerchen zu machen. Der König ärgerte sich ein bisschen, weil der Grieche so wenig zu ihrer Reise beitrug, aber weil er ein besonders gnädiger König war, ließ er ihn gewähren und machte wie immer alles selbst. Loutro hingegen, näherte sich kein bisschen und während der König immer unsicherer wurde, ob die Weisen ihm einen Bären aufgebunden hatten, wurde der Grieche von Tag zu Tag vergnügter. Eines Tages beschloss der König den Griechen um Rat zu fragen. Er war zwar kein Weiser, aber da er niemandem zum Reden hatte, fiel ihm nichts besseres ein. „Grieche“, fragte er also, „du bist so vergnügt, warst du denn schon mal in Loutro?“ Da lachte er wieder und antwortete: „König, ich bin immer in Loutro. Am Morgen wenn ich aufwache, wenn die Sonne scheint, aber auch wenn es regnet, und abends, wenn ich schlafen gehe auch, wenn die Nachtigall mir ein Gute Nacht Lied singt, oder wenn der Wind um meine Hütte pfeift.“ Der König dachte nach. Als die Sonne unterging, dämmerte es ihm endlich. Wie weise der Grieche doch war. Der Grieche lebte in Loutro, weil sein Loutro stets in ihm war, genauso wie es ein Loutro im König gab, er musste es nur finden. Deshalb wuchs dem Griechen auch niemals etwas über den Kopf und er konnte stets freundlich sein, zu sich selbst und zu den anderen.
Da legte er sich zu dem Griechen in die Sonne, das Schiff schaukelte sanft auf den Wellen, sodass die beiden im Nu eingeschlafen waren und langsam zurück in den königlichen Hafen trieben, wo das Gras wieder überschaubar war, die Blumen nicht mehr die Sicht versperrten und die klitzekleinen Kieselsteine so klein waren, wie sie nur sein konnten.
Vielleicht sind sie noch nicht gestorben, leben auch heute noch, der Grieche und der König und weil der Grieche gar nicht so faul war, wie alle dachten, aber besonders klug, wurde er zum wichtigsten Berater des Königs, aber nur als Teilzeit-Angestellter, denn er wollte sein Loutro unter keinen Umständen und zu keinem Preis der Welt aus den Augen verlieren.
In jedem von uns sollte ein wenig Λουτρό stecken