Im Wald

Nicht ganz bei der Sache aber konzentriert genug, um nicht zu stolpern, stapft er über den wurzeldurchtränkten und von der kalten Nacht leicht angefrosteten Waldboden. Ab und zu erahnt er unter seinem Schuhwerk weiche, moosige Stellen, die ihn lächeln lassen, weil er weiche, moosige Stellen auf dem Waldboden mag; Eigentlich immer schon mochte. Es hat etwas Warmes an sich, ein wenig was von Sommer, ja es verleiht ihm sogar beinahe eine Art Gefühl von Sicherheit, von Geborgenheit, wenn er diesen speziellen Untergrund unter seinen Sohlen zu spüren glaubte. Er könnte natürlich auch den geebneten Forstweg gehen, der sich, gleichmäßig ansteigend und in Serpentinen, durch die gerodete Landschaft pflügt. Könnte er. Will er aber nicht.

Im Wald, so richtig im Wald, wo natürliche Beschaffenheit und Belassenheit Priorität finden, wo umgefallene Bäume und Totholz nicht weggeräumt werden und dadurch wieder neues Habitat für eine Vielzahl kleiner Tiere entsteht. Im Wald, da wo der Tod nicht endgültig ist, da wo der Tod neues Leben schafft. Genau da sucht er seinen Weg.

Alleine mit sich und vollgepackt mit abertausenden Gedankenfunken, die unentwegt und unkoordiniert, chaotisch und ohne aufeinander Rücksicht zu nehmen, durch die Gehirnwindungen sprühen, setzt er einen Fuß vor den Anderen. Blick zum Boden. Schritt. Blick nach vorne. Schritt. Blick nach oben, links und rechts. Schritt. In dieser Reihenfolge, immerfort. Genießt bei jedem Schritt, bei jedem Blick, sein Rundherum, optisch, aber auch mit jedem Atemzug. Im Wald, da wo er versucht, Eins mit sich zu werden, da wo er versucht, die zahllosen Gedanken zu Klumpen zu formen und abzuschütteln. Mit jedem Schritt, mit jedem Blick merkt er, wie sich, langsam zwar aber beständig, seine Gedanken auf das Wesentliche zu konzentrieren beginnen. Auf das, was ist. Auf das, was jetzt gerade, in diesem Moment aktuell passiert. Schritte, Blicke, Wald, Luft, Moos, Totholz. Immer leichter wird es ihm. Immer weniger chaotisch sprühen die Funken in seinen Gehirnwindungen.

Im Wald, da wo er mit sich ins Reine kommt, da wo er seine Gedanken gehen lassen kann.

Apropos gehen lassen…hab mir heute Morgen nicht die Zähne geputzt…Apropos putzen…die Pfannen am Herd hätte ich einweichen sollen, die bekomme ich nicht so schnell sauber…Apropos Herd…hab ich den Herd überhaupt ausgemacht…Apropos ausgemacht…darf das Treffen morgen nicht vergessen…Apropos vergessen…unbedingt die fertige Wäsche aus der Maschine nehmen…Apropos unbedingt…den Wecker muss ich noch stellen…Apropos muss…

Im Wald. Alleine mit sich und vollgepackt mit abertausenden Gedankenfunken, die unentwegt und unkoordiniert, chaotisch und ohne aufeinander Rücksicht zu nehmen, durch die Gehirnwindungen sprühen, macht er kehrt. Stapft, nicht ganz bei der Sache aber konzentriert genug um nicht zu stolpern über den leicht angefrosteten Waldboden.

 

Ein Gedanke zu “Im Wald

  1. „Im Wald, da wo der Tod nicht endgültig ist, da wo der Tod neues Leben schafft. Genau da sucht er seinen Weg.“

    Ein epischer Satz! Danke.

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