Ziel

Sein, was du bist 

Vor ihm dehnt sich eine lange, finstere Straße, scheinbar nie enden wollend, aus. Obwohl er diesen Weg freien Willens eingeschlagen hatte, war ihm von Anbeginn klar, dass es mühsam wird, sein Ziel zu erreichen.

Die Pappeln, die den Asphalt auf beiden Seiten gleich einer Allee einschließen, hindern die Sonnenstrahlen daran, zu seinem Gemüt vorzudringen. Er stapft lustlos vor sich hin, linker Fuß, rechter Fuß …. gedankenlos, leer.

Der Jüngste bin ich auch nicht mehr„, hallte es ihm plötzlich pochend durch seine Gehirnwindungen, „ich hätte doch schon längst mein Ziel erreichen müssen …. müssen? Was für ein Ziel eigentlich, habe ich mir jemals Ziele gesetzt, habe ich mir je Ziele vor Augen gehalten? Woran das wohl liegen mag, woran das wohl bis jetzt gescheitert sein mag? Ich komme einfach nicht dahinter, mir scheint, als trete ich auf der Stelle, ich komme nicht voran …. ich komme einfach nicht weiter!“

Die Alleebäume, die sich so effektiv gegen das aufmunternde helle Licht des Helios stemmen, können hingegen dem nun einsetzenden Regenschauer nichts entgegenwirken. Es dauert eine Weile, bis er bemerkt, dass seine Haare zunächst angefeuchtet, kurz darauf nass sind und schließlich sich der kostbare Niederschlag in vielen kleinen Wasserfällen von seinem Haupt hinabschlängelt. Er fühlt jeden einzelnen Tropfen dieses Starkregens auf seinem Gesicht, auf seinem Kopf, auf seinen Händen ….. seine Jacke, seine Jeans, sein Schuhwerk und bereits auch seine Socken, all das, was er an seinem Körper trägt, trieft vor Nässe.

„Naja„, denkt er sich, „ich glaube, es wäre besser, wenn ich umkehre und nach Hause gehe. So wie es aussieht, lässt der Regen längere Zeit nicht nach. Zum Glück habe ich es nicht weit, bis ich daheim bin ….. daheim! Ich besitze ein wohliges Zuhause, das mir Schutz und Behaglichkeit bietet, ich kann mich ernähren, ich kann es mir leisten zu verreisen, ich bin gesund, ich habe einen Job ….. ich lebe“.

Ein Lächeln macht sich auf seinem Antlitz breit.

Er dreht sich um, schlägt die entgegengesetzte Richtung ein, entschwindet kurz darauf der langen, finsteren Straße, die scheinbar nie enden will. Vor sich erkennt er inmitten aufgerissener Wolkenfetzen einen prächtigen Regenbogen.

Ich lebe …. vielleicht ist das mein Ziel.“

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